Die islamische Welt und die Verschwörungstheorien

Vor wenigen Tagen hatte ich ein Gespräch mit einer Bekannten. Sie hat als Kleinkind mit ihrer Familie Afghanistan verlassen und vor kurzem ihr Medizinstudium erfolgreich beendet. Die gesamte Familie ist bestens integriert, alle ihre Geschwister studieren oder sind bereits Akademiker. Sie fastet im Ramadan, trägt aber kein Kopftuch. Sie ist modisch gekleidet, eine selbstbewusste junge Frau, attraktiv und überaus sympathisch. Ein Musterbeispiel für gelungene Integration und dafür, dass es zahlreiche Zuwanderer gibt, von denen wir profitieren.

Wir hatten ein nettes Gespräch über Arbeit und Privates und im Laufe des Gespräch sind wir auch auf ihr Herkunftsland Afghanistan zu sprechen gekommen, das sie im Monat zuvor für einige Tage besucht hat. Sie war überrascht, wie viel in Kabul gebaut wird, wie geschäftig die Stadt ist und auch über den Kontrast zwischen der Armut auf der einen, aber auch den Reichtum und Luxus einer neu entstandenen Oberschicht auf der anderen Seite, den man hier in Europa in einem Land wie Afghanistan nicht vermuten würde. Und natürlich war es für sie ungewohnt und auch bedrückend, dass sie sich zu ihrer eigenen Sicherheit in der Öffentlichkeit verschleiert und in Begleitung ihrer männlichen Verwandten bewegen musste.

Ich wusste, dass sie wie die meisten meiner muslimischen Freunde auf Amerika nicht gut zu sprechen ist und wollte unser Gespräch nicht in eine politische Diskussion ausarten lassen, bei der vorhersehbar war, dass wir unsere unterschiedlichen Ansichten nicht überbrücken würden. Sie meinte wie dumm die amerikanischen Soldaten seien, und dass die Amerikaner wohl nie aus Afghanistan abziehen würden. Und ich, im Bestreben keine allzu kontroverse Diskussion ausbrechen zu lassen, versuchte sie damit beruhigen, dass die Amerikaner vermutlich deutlich früher abziehen werden als sie denkt. Immerhin habe Obama bereits dieses Jahr eine teilweise Truppenreduktion angeordnet und vor allem wolle sich Amerika den Krieg, der jedes Monat Milliarden kostet, angesichts der prekären Finanzlage nicht mehr leisten. Und dann sei dieses Jahr schließlich auch noch einer der Hauptgründe für die Militäroperation weggefallen, dadurch dass die Amerikaner Osama getötet haben. In dem Moment, in dem ich die Tötung Bin Ladens erwähnt habe, fing sie laut zu lachen an, gerade so als hätte ich eben einen Witz erzählt.

Das meine ich jetzt aber nicht im ernst, sagte sie erheitert. Ich könne doch nicht tatsächlich an das Märchen glauben, dass die Amis da inszeniert haben. Dass die Amerikaner Bin Laden schon vor Jahren getötet haben, wisse doch jedes Kind. Und sie haben auf eine passende Gelegenheit gewartet, um damit, wenn es ihren Interessen dient, an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich versuchte möglichst sachlich zu antworten: Weshalb sollte Bush seinen Nachfolger den Triumph der Bin Laden Tötung gönnen? Was hätte er davon gehabt, was hätte Amerika davon, außer der Schmach, dass es für fast 10 Jahre nicht gelungen ist, Bin Laden zu fassen. Was hätte Obama davon, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt eine solche Sache zu inszenieren – Kongresswahlen waren im letzten Jahr, Präsidentenwahlen sind noch eineinhalb Jahren weit weg.

Auf meine Erwiderung ging sie nicht ein. Für sie bestand der offensichtliche Beweis für die amerikanischen Lügen darin, dass keine Fotos von der Tötung veröffentlicht wurden. Mein Einwand, dass sie Fotos wohl auch nicht überzeugt hätten, im Zeitalter von Photoshop, quittierte sie mit einem Lächeln. Sie hatte offensichtlich Mitleid mit mir, wegen meiner Naivität an die für sie so offensichtlichen Märchen der Amerikaner zu glauben. Wir wechselten dann das Thema, sie hatte mich offensichtlich als politisch hoffnungsloser Fall abgeschrieben.

Das Gespräch gab mir anschließend noch zu denken. Ich habe viele muslimische Bekannte, darunter einige sehr gute Freunde,  und ich hatte mich eigentlich damit abgefunden, dass die islamische Welt Verschwörungstheorien in einem Ausmaß produziert wie China Plastikspielzeug. Dass die Amerikaner (alternativ die Israelis) das World Trade Center selbst in die Luft gesprengt haben, hatte ich von Muslimen schon so oft gehört, dass meine Erwiderungen mittlerweile nur noch routiniert halbherzig sind und ich beinahe schon irritiert bin, wenn ich einmal ausnahmsweise eine andere Geschichte höre. Was mich diesmal aber dann doch mehr bedrückte war, dass es für diese an sich intelligente, smarte Frau so selbstverständlich war, dass Amerikaner immer lügen, dass es wenn wer etwas anderes auch nur für möglich haltet, bei ihr ein spontanes Lachen auslöst. Ich dachte darüber nach, wer wen belügt und wie Menschen es mit der Beweiswürdigung halten, wenn es um ihr Weltbild, ihren Glauben geht.

Ich dachte mir wie bemerkenswert die Vorstellung ist, die viele Muslime teilen, dass die islamische Welt das Opfer einer allumfassenden Verschwörung ist und dass dabei selbst eine emanzipierte, intelligente, in Österreich aufgewachsene Frau auf der Suche nach den Urhebern dieser Verschwörung nach Amerika blickt – und nicht etwa nach Saudi Arabien. Dass sie so überzeugt ist, dass Teil dieser Verschwörung ein Barack Obama und eine Hillary Clinton sind – und nicht etwa die alten Männer mit den langen Bärten in den Moscheen, die Mullahs und Muftis, die Ajatollahs und Imame, die ihr als Ärztin erzählen würden, dass sie von Adam und Eva abstammt, dass ein Ort in Saudi Arabien, der Mittelpunkt des Universum ist und die Sonne sich um die Erde dreht. Die Männer, die sie dafür auspeitschen lassen würden, dass sie ohne Verschleierung auf die Straße geht oder dafür, dass sie sich mit einem Mann, mit dem sie nicht verheiratet ist, in einem Cafe trifft. Die ihr als Frau in Saudi Arabien nicht einmal das Autofahren erlauben würden.

Die Gewissheit, dass Muslime Opfer einer Verschwörung ist, teile ich mittlerweile, nur dass man auf Grundlage einer objektiven Beweiswürdigung die Gewissheit erlangt, dass die Urheber dieser Verschwörung nicht in Washington sitzen, sondern im  7. Jahrhundert der arabischen Halbinsel zu finden sind.                                                                                So lange es aber für die meisten Muslime Tabu ist, ihren eigenen Glauben zu hinterfragen, haben sie keine Alternative, als sich belügen zu lassen – und Verschwörungstheorien werden  eines der wenigen Exportgüter der islamischen Welt bleiben – abseits von Öl und Terror.

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Die islamische Welt und die Verschwörungstheorien

  1. Pingback: Die islamische Welt und die Verschwörungstheorien (via kasnudl) « deutschland-luege

  2. Na also. Es gibt doch noch solche Menschen.
    Modern, aufgeschlossen und integriert.
    So ist es doch in Ordnung

  3. „und ich hatte mich eigentlich damit abgefunden, dass die islamische Welt Verschwörungstheorien in einem Ausmaß produziert wie China Plastikspielzeug.“

    Nun sind wir im Westen auch nicht besser als die islamische Welt. So wurde das Gasembargo vor einigen Jahren Russland in die Schuhe geschoben. Dabei war die Ukraine ursächlich Schuld an der Misere. Auch im Bezug auf den Iran sind Europa und die USA alles andere als objektiv. Weiterhin haben in Europa extrem viele Menschen Angst vor einem islamisch motivierten Terrorakt, obwohl seperatistische Terrorakte deutlich öfter geschehen. Die Tea Party Bewegung in den USA ist für mich ein Club der Verschwörungsgläubigen schlecht hin.
    Das die islamische Welt gegen die USA ist, ist nur verständlich. Sie ist der engste Verbündete von Isreal, welches nicht offen auf die islamische Welt zugeht. Isreals Politik lässt sich eben sehr einfach für Propaganda nutzen. Teilweise sicher zu recht, teilweise eben nicht. Aber wen interessiert in diesem Zusammenhang schon die Wahrheit. Weitere Punkte sind der Kampf um Ressourcen wie im Irak durch die USA und die gezielte Festnahme von Personen und deren Einsperrung in Gefängnisse ohne jeglichen Prozess. Das bietet alles viel Angriffsfläche. Da ist der Sprung zur Verschwörung nicht mehr weit.

    • Gerade der Nahostkonflikt ist ein gutes Beispiel wie die Verschwörungstheorien in der islamischen Welt die Realität beeinflussen und Fortschritt unmöglich machen. Israel ist ein kleines Land, teilweise nicht einmal 10 km breit, die arabischen, muslimischen Israelis (ca 20% der Bevölkerung) haben Menschenrechte und Demokratie von denen Muslime in muslimischen Ländern nur träumen können, und das obwohl die islamische Welt Tag ein Tag aus die völlige Vernichtung Israels propagiert wird. Seit dem ersten Tag der Staatsgründung Israels wird der Hass von den politischen und religiösen Führern mittels Verschwörungstheorien geschürt. Kürzlich meine ein ägyptischer Arbeitskollege, seit 20 Jahren in Österreich und Akademiker, es könne nie Frieden geben, das Israel in den letzten Jahren mit Krebs und Aids 7 Millionen Ägypter ermordet hätte. Israel ist in der islamischen Welt Sündenbock für Alles: Krebs, Aids, Erdbeben, Tsunamis, Dürre… Propagiert werden die Verschwörungstheorien von jenen Regimen, die ihre eigenen Völker unterdrücken, zum Teil massakrieren und von den religiösen Führern, die Steinigungen, Handabhacken und Jihad als Weg zu den 72 Jungfrauen preisen. Daher ist es fast schon herzig, wenn europäische Kommentatoren meinen, israelische Siedlungen wären das Hindernis zum Frieden. Das Hindernis ist die islamische Ideologie, die nie ein nichtmuslimisches Land, ganz gleich wie klein und demokratisch es ist, in der islamischen Welt akzeptieren wird. Leider findet man realitätsnahe Analysen zum Nahostkonflikt in deutschsprachigen Medien so selten wie zum Thema Islam.

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