Technische Evolution und politische Stagnation, und weshalb die Politik kein PC ist.

Vor 30 Jahren wurde von IBM der erste PC vorgestellt. 30 Jahre später haben Handys das tausendfache an Leistung.

Der technische Fortschritt ist faszinierend, insbesondere im Computerbereich. Ich bin Ende 20 und als ich in der Volksschule war, hatte ein Freund einen Commodore C 64 und wenig später war der ganze Stolz meines älteren Bruders ein „486“ von Escom, für den er sein gesamtes Konto geplündert hatte. Er kostete damals über 30.000 Schilling, heute hat er ein Smartphone mit 2 mal 1,2 GHz.

Es war ein anderes Jahrtausend – auch wenn es gerade mal 20 Jahre her ist.

Der technische Fortschritt ist in seiner Geschwindigkeit atemberaubend. Die politische Entwicklung ist hingegen häufig stagnierend, immer wieder von Rückschlägen gekennzeichnet und nicht selten deprimierend.

Klar, in Europa hat sich in den letzten Jahrzehnten ebenfalls vieles verändert – zum Positiven. Das soll man trotz Euro Krise nicht vergessen. Der Kommunismus ist Geschichte und nach dem 2. Weltkrieg, als Europa in Trümmer lag und die Nazis Millionen ermordet hatten, hätte ein Europa wie es heute ist als Utopie gegolten, an das vermutlich die wenigsten Optimisten geglaubt hätten. Alle Probleme, die es heute in der EU gibt, so ernst sie auch sind, im Vergleich zu dem was Generationen vor uns erlebt hatten, sind sie Lapalien. Europa ist, allen Problemen zum Trotz, eine Erfolgsstory.

Aber bei aller Dankbarkeit wie sich Europa in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, bleibt doch das beunruhigende Gefühl, es hätte alles anders kommen können. Viel hat den Nazis nicht gefehlt, um Europa langfristig zu unterjochen, und auch, dass die Sowjetunion und der Kommunismus in Frieden scheiterten, war alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Dass es heute in Europa Demokratie, Frieden und einen vergleichsweisen Wohlstand gibt, hat – ohne die Leistungen der Menschen, die dafür gekämpft haben schmälern zu wollen – auch viel mit Glück zu tun.

Historisch betrachtet sind Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte die absoluten Ausnahmen, der Zustand wie er heute in Europa herrscht eine äußerst seltene Anomalie. Selbst wenn man einmal von den totalitären Schreckensregimen des 20. Jahrhunderts absieht, die Jahrhunderte und Jahrtausende davor, seit es eine bekannte Menschheitsgeschichte gibt, war der Normalzustand – egal ob unter Kaisern, Könige, Warlords, Stammeshäuptlingen – Unterdrückung und Krieg, Mord, Folter und Totschlag.

Die gute alte Zeit hat es nie gegeben. Die gute Zeit, die beste Zeit ist die Gegenwart (inklusive der wenigen Jahrzehnten davor).

Wie die Zukunft wird, kann keiner sagen. Zumindest in Europa liegt sie in den Händen der Mehrheit der Bevölkerung und den von der Mehrheit gewählten Politikern. Das Problem ist, die Mehrheit der Bevölkerung interessiert sich wenig für Politik. Nicht wenige befassen sich mit der Kaufentscheidung für ein neues Handy mehr als mit der Frage, welche Partei sie wählen, sofern sie überhaupt wählen. Das politische Weltbild wird häufig von den Eltern vererbt oder von Freunden übernommen und hat meist mehr mit Gefühlslagen als mit Fakten zu tun. Die Mehrheit tendiert zur Passivität, nimmt das Erreichte – Demokratie, Menschenrechte – als Selbstverständlichkeit war. So als hätte es nie etwas anderes gegeben. Während die Mitte überwiegend passiv ist, gibt es an den Rändern die Radikalen, aktiv und hoch motiviert: Rechtsextreme, Linksextreme und Islamisten. Dass eine entschlossene und skrupellose politische Minderheit die Mehrheit für sich vereinnahmen kann und schließlich die Macht erlangt, hat die Geschichte schon oft bewiesen. Ich will jetzt keinen Alarmismus oder Pessimismus das Wort reden. Die Demokratie – vor allem in Deutschland – ist stabil.

Dennoch ist es deprimierend, dass man – insbesondere im Internet – immer wieder mit Ideologien konfrontiert wird, welche die Menschheit schon längst hätte entsorgen müssen bzw. die eigentlich gar nicht das Licht der Welt hätten erblicken dürfen. Alt- und Neonazis, denen zig Millionen Tote noch lange nicht genug sind, Kommunisten, die den Mauerbau huldigen, Islamisten, die vom 7. Jahrhundert, Sprengstoffgürtel und 72 Jungfrauen träumen

Und das ist auch ein wesentlicher Unterschied zum technischen Fortschritt. In der Technik setzt sich die bessere Lösung durch. Schlechtere Lösungen werden permanent durch bessere verdrängt. Keiner würde ernsthaft behaupten, dass der IBM PC, der vor 30 Jahren eine Sensation war, leistungsfähiger ist als ein moderner PC im Jahr 2011. Aber in der Politik gibt es nicht wenige, die, im übertragenen Sinne, auf Smartphones herumtrampeln (rechtsstaatliche Demokratien) und dagegen Buschtrommeln (totalitäre Ideologien) als Innovation anpreisen.

Kürzlich sah ich im Fernsehen ein Interview mit einem Vertreter der ägyptischen Muslimbruderschaft, der die Überlegenheit der islamischen Welt über den „ungläubigen“ Westen anpries. Auf seinem Schreibtisch stand ein PC mit Internetanschluss und zwischendurch leutete sein Iphone. Vermutlich hat er nie darüber nachgedacht, wer denn seinen PC, das Internet und das Handy erfunden hat und vor allem warum es nicht die „Gläubigen“, sondern die „Ungläubigen“ waren. Dass ist auch ein Unterschied. In der Technik zählt das Wissen, in der Politik allzu oft das Glauben – leider. Deshalb ist der Fortschritt keinesfalls garantiert. Das 7. Jahrhundert kann gegen das 21. Jahrhundert gewinnen, der Abakus über den ICore 7 – jedenfalls in der Politik.

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