Ägypten: Vom arabischen Frühling in den islamischen Winter

Als einer der Ägypten kennt und einige gute ägyptische Freunde hat muss ich leider feststellen, dass die Hoffnung, dass sich in Ägypten sowas wie eine rechtsstaatliche Demokratie, die Menschenrechte respektiert, durchsetzt, zumindest für absehbare Zeit verschwindend klein ist. Viel realistischer ist leider, dass dem arabischen Frühling ein langer islamische Winter folgt.

Das liegt daran, dass viele Ägyper zwar gute, freundliche Menschen sind, aber in Sachen Politik und Religion die große Mehrheit der Bevölkerung völlig unaufgeklärt ist und seit Jahrzehnten, wenn nicht  seit Jahrhunderten, politisch rationales Denken, wie im Großteil der arabischen Welt, Tabu ist. Das hat sich in den letzten Jahren durch Satellitenfernsehsender, die dutzendfach die islamische Propaganda aus Saudi Arabien und anderen islamischen Ländern senden, finanziert mit Milliarden Petrodollars, noch verstärkt, was man auch daran sieht, dass sich der Anteil an kopftuchtragenden und vollverschleierten Frauen in Ägypten in den letzten Jahrzehnten vervielfacht hat.

Die offizielle Politik, sowohl von Regierung als auch von Opposition, und auch die Medienberichterstattung basiert so gut wie ausschließlich auf Verschwörungstheorien: Da ist dann Israel (bzw. die USA) nicht nur für den Siedlungsbau verantwortlich, sondern für wirklich für Alles: Krebs, Aids, Tsunamis, Erdbeben etc., selbst unter dem vergleichsweise „prowestlichen“ Mubarak war das schon so. Es ist erschreckend und ziemlich deprimierend zugleich, wenn mir ägyptische Bekannte, allesamt Akademiker, wie selbstverständlich erzählen, Friede könne es nicht geben, da Israel in den letzte Jahren Millionen Ägypter mit Krebs und Aids ermordet hätte.

Immer häufiger werden auch die christlichen Kopten Opfer von Verschwörungstheorien, was bereits wiederholt zu Gewaltausbrüchen mit dutzenden Toten und abgebrannten Kirchen geführt hat. Die Verschwörungstheorien werden wie am Fließband produziert, um von den wahren Schuldigen für die zahlreichen realen Probleme in Ägypten abzulenken: den korrupten Regierenden und Beamten und den religiösen Eiferern, die ihr Weltbild des 7. Jahrhunderts propagieren.

Da auch die Muslimbrüder, mit ihrem Weltbild von vorvorgestern, kein einziges der Probleme in Ägypten lösen werden, ist zu befürchten, dass sie, bevor ihr Scheitern für alle Ägypter zu offensichtlich wird, die Märtyreroption wählen, den Friedensvertrag aufkündigen und sich in einen Krieg mit Israel flüchten. Möglich auch, dass das derzeitige Militärregime ihnen zuvorkommt und um einen wahrscheinlichen Machtverlust nach den Wahlen zu verhindern und wieder einmal für ein paar Jahrzehnte einen Ausnahmezustand verhängen zu können, die Kriegsoption wählt.

Leider fiebern auch in der ägyptischen Bevölkerung nicht wenige, nach Jahrzehnten der Propaganda – trotz Friedensvertrag –wenig verwunderlich, einen Krieg gegen Israel entgegen. Immerhin sind alle Ägypter, die ich kenne absolut überzeugt, dass sie bereits den letzten Krieg gegen Israel (Yom Kippur Krieg) überlegen gewonnen haben, und nur dunkle Verschwörungen ihren Triumph schmälern, einem neuen Krieg also nicht entgegensteht. Wer die Wahrheit kennt, weiß natürlich, dass es anders war. Und so werden vermutlich viele Ägypter als auch viele europäische Kommentatoren vom Traum eines arabischen Frühlings bald ernüchtert aufwachen.

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