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Im Zweifel überall Ahnungslose. Sehr geehrter Herr Augstein!

Weshalb ich Ihnen  – mit Blick auf Ihr Kommentar Überall Antisemiten – gerne glauben möchte, dass Sie kein Antisemit sind, aber weshalb,  sofern man die Fakten beim Nahostkonflikt nicht ganz ignoriert, zunächst einmal Vieles dafür spricht, dass Sie einer sind.

Wenn man wie ich – als nichtjüdischer Österreicher – ein Israelfreund ist,  ist das selten Zufall, sondern in der Regel Folge dessen, dass man sich irgendwann einmal mit der Lage im Nahen Osten auseinandergesetzt hat und zumindest mit den grundlegenden Fakten vertraut ist.

Und wenn man die Fakten kennt, dann ist es zunächst einmal doch ziemlich unfassbar, mit welcher Beharrlichkeit und Konsequenz Journalisten wie Sie es schaffen, jede Tatsache zum Nahostkonflikt zu ignorieren oder schlicht ins genaue Gegenteil zu verdrehen.

Man staunt wie man es es zu Stande bringt die Hamas, welche die Ermordung  israelischer Zivilisten als Volksfest zelebriert, die in ihrer Charta zur völligen Vernichtung Israels und darüber hinaus aller Juden weltweit aufruft, bei welcher der Abfall vom Islam, also Glaubensfreiheit, ein todeswürdiges Verbrechen ist, die palästinensische Oppositonelle bevorzugt zu Tode foltert, die sämtliche Menschenrechte der eigenen Bevölkerung systematisch verletzt, in deren Kinderprogramm Mickey Mouse einen Sprengstoffgürtel trägt, die ihre Rakten, zur Erhöhung von Kollateralschäden, bevorzugt von Schulhöfen und neben Wohnhäuser abfeuert usw usw.. wie man es tatsächlich schafft, diese Hamas mit Israel  auf eine Stufe zu stellen – oder auch schon gerne mal eine Stufe darüber.

Man ist verblüfft, wie leicht es manchen fällt, zu ignorieren, dass bisher jedes Zugeständnis von Israel, der Rückzug aus dem Südlibanon und aus dem Gazastreifen, auf arabischer Seite in einem Triumph der Extremisten, von Hamas bis Hisbollah, geendet ist. Und dass der Dank für die Räumung sämtlicher Siedlungen im Gaza-Streifen, der Abschuss von mittlerweile über 9000 Raketen auf Israel war – die wiederum der Grund für das Embargo über den Gaza-Streifen sind, nicht israelische Willkür oder Tyrannei.

Und wie man tatsächlich annehmen kann, dass sollte morgen Israel sämtliche Siedlungen im Westjordanland räumen und das Embargo über den Gazastreifen aufheben  und einen palästinensischen Staat bedingungslos anerkennen, dass das auch nur irgendetwas am Vernichtungswahn der islamischen Welt ändern würde.  Dass dann nicht auch noch Raketen aus dem Westjordanland auf Israel prasseln würden und etwa der populärste islamische Fernsehprediger Yussuf al Quadawi, laut unseren Medien ein „moderater Islamist“, plötzlich aufhören würde, den Holocaust als gerechte Strafe Gottes zu preisen. Dass Israel in der islamischen Welt auf einmal nicht mehr für sämtliche Probleme – von Erdbeben zu Tsunamis über Aids und Krebs – verantwortlich gemacht werden würde, sondern sich plötzlich selbstkritisches, aufgeklärtes und humanistisches Denken untern den Muftis, Ayatollahs und arabischen Despoten breit machen würde. Und dass dann etwa in Frankreich in Zukunft keine jüdischen Kinder mehr in Namen des Jihads in den den Kopf geschossen werden würden.

Man wundert sich, wie man es schafft zu ignorieren, dass in Israel rund 20% muslimische Araber, Tendez steigend, leben – während die arabische Welt sich völlig selbstverständlich, ohne irgendein Aufsehen, „judenrein“ gemacht hat. Und arabische Muslime in Israel mehr Menschenrechte genießen als arabische Muslime in irgendeinem anderen Staat in der arabischen Welt. Und dass selbst in einer Besatzungssituation, Palästinenser eine höhere Lebenserwartung haben als beispielsweise Türken in der Türkei. Und dass auch die Besatzung keine Willkür der Israelis war, sondern das Resultat von Angriffskriegen und der Vernichtungsdoktrin der arabischen Welt gegenüber Israel, seit dem ersten Tag seiner Gründung. Und das sämtliche konkreten Friedenspläne Israels, mit weitreichenden Zugeständnissen, von palästinensischer Seite abgelehnt wurden.

Man fragt sich auch, was der Grund dafür ist, dass Medien 99,99 % aller Menschenrechtsverletzungen im Nahen Osten weitgehend kalt lassen und das tägliche Gemetzel durch Islamisten oder arabische Despoten in Zeitungen selten mehr als eine nüchterne Kurznachricht auf den hinteren Seiten wert ist, wenn überhaupt, aber sobald Israel sich verteidigt alle Druckerpressen heiß laufen.

Und weshalb die gezielte Tötung eines palästinensischen Terroristen, verantwortlich für dutzende Terroranschläge gegen Zivilisten, Journalisten mehr in die Tasten hauen lässt,  als der Tod von dutzenden Zivilisten irgendwo sonst in der islamischen Welt.

Und wie man es zu Stande bringt auch über 11 Jahre nach dem 11 September und dem täglichen Terror in der islamischen Welt sämtliche ideologische Hintergründe von Terrororganisationen wie der Hamas auszublenden, welche den Jihad nicht „nur“ gegen Juden, sondern auch gegen alle andere „Ungläubige“ propapieren und insbesondere auch gegen sämtliche Muslime, die nicht mit ihrem totalitären Islamverständnis einhergehen.

Und man ist geradezu fassungslos, wie man bei dem Atomkonflikt mit dem Iran, wo auf der einen Seite das iranische Ayatollah-Regime steht, das gefangen im religiösen Endzeitwahn nicht nur sämtliche Menschenrechte des eigenen Volkes auf jede erdenkliche Weise verletzt, sondern welches ganz offen die Vernichtung Israels propagiert –immer und immer wieder, als göttlich legtimiertes Staatsziel –  wie man es selbst da schafft in Israel den Aggressor zu sehen.

Und dann erreicht man irgendwann den Punkt, an dem man sich zu wundern aufhört, eins und eins zusammenzählt und zum Ergebnis kommt, das alles kann nur damit zusammenhängen, dass Israel ein jüdischer Staat ist.

Denn kann man sich ernsthaft vorstellen, es gäbe diese Obsession mit Israel und der ganze Nonsense würde geschrieben werden, wenn Israel, sagen wir mal, ein Hindu-Staat wäre?

Eher nein bzw ganz sicher nicht.

Doch auch wenn diese Obsession mit Israel im Allgemeinen ganz sicher etwas mit Antisemitismus zu tun hat, ist tatsächlich nicht jeder der faktenfreien Nonsense zu Israel von sich gibt ein Antisemit.

Tatsächlich kenne ich aus meiner persönlichen Erfahrung viele die glauben Israel sei das ganz große Problem im Nahen Osten, ohne das ich auch nur auf die Idee kommen würde, dass sie Antisemiten sind.

In den meisten Fällen hängt es einfach damit zusammen, dass sie keinerlei Ahnung aber dennoch eine Meinung haben – was angesichts der Nahostberichterstattung in unseren „Qualitätsmedien“ durchaus eine logische Konsequenz ist. Manch einer findet Palästinensertücher auch einfach nur modisch schick und legt sich dazu auch gleich die passende politische Meinung zu oder jemand hat einmal ein Bild von steinewerfenden Kindern vor israelischen Panzern gesehen und war dann emotional so betroffen, dass er auch gar nicht mehr fragen wollte, wer denn Kinder auf Panzer Steine werfen schickt. Oder jemand war in Ägypten auf Urlaub und hatte Durchfall und der freundlichen Hotelmanager erklärte ihm, daran können nur die Zionisten schuld sein.

Und bei einigen hängt es schlicht mit dem Umstand zusammen, den schon Einstein anschaulich beschrieben hat: Zwei Sachen sind unendlich, das Universum  und….

So wie ich auch selbsterklärte Femministinnen kennen lernen durfte, welche zu den Taliban meinten, immer noch besser als die Amis oder erwachsene Menschen, die glauben Nordkorea wäre eine antiimperialistische Bastion.

Man muss also tatsächlich kein Antisemit zu sein, um beim Thema Israel Nonsense abzuladen – im Zweifel hat man auch einfach ein Kommentar von Ihnen gelesen.

Deshalb Herr Augstein, ich kenne Sie nicht. Ich weiß nicht wie es ist ein Augstein zu sein, bereits per Geburt ausgesorgt zu haben und jedes Mitteilungsbedürfnis über den Spiegel der Welt ausrichten zu können. Ich arbeitete nach meinem Studium in einem Flüchtlingslager im Asylverfahren, da war es geboten, sich mit der Realität auf der Welt vertraut zu machen. Sie hatten vermutlich andere Probleme.

Ich möchte Ihnen daher gerne glauben, dass Sie kein Antisemit sind und dass wenn Sie eine Ahnung hätten, welchen Nonsense Sie zu diesem Thema schreiben, Ihnen das Alles sehr peinlich wäre.

Ich will es jedenfalls hoffen.

PS Als Nachtrag:

Henryk Broder hatte offenbar das gleiche Bedürfnis wie ich Herrn Augstein einen Brief zu schreiben  (naturgemäß unabhängig von mir, dennoch ehrt mich bereits dieser Umstand ;).  Offenkundig kennt Herr Broder Herrn Augstein auch deutlich besser als ich, weshalb bei ihm für Hoffnung kein Platz mehr bleibt.

http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article111852281/Brief-an-meinen-Lieblings-Antisemiten-Augstein.html

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Israel und die Hamas. Wie viele Raketen hätte es denn noch gebraucht?

Angesichts der Nahostberichterstattung vieler Medien in Österreich (ORF, derStandard, Kleine Zeitung etc), würde ich gerne unseren  heimischen „Nahostexperten“ eine Frage stellen:

Ist eine Situation auch nur denkbar, in der Israel einmal nicht als der Aggressor dargestellt wird, sondern als Land, das sich und seine Bevölkerung verteidigt?

Konkret: Wie viele hundert bzw. wie viele tausend Raketen aus dem Gazastreifen hätte Israel noch erdulden müssen bevor es ein Recht hat, sich zu verteidigen?

Nur weil es vielen Journalisten offenbar entgangen ist. Es hat in den letzten Jahren über 9.000 Raketenangriffe aus dem Gaza Streifen auf Israel gegeben, wobei sich die Situation in den letzten Wochen noch dramatisch verschäft hat. Hunderttausende Israelis müssen mit täglichen Raktenalarm leben.

Der tägliche Raketenterror der Hamas –  der „Dank“ dafür, dass Israel sämtlich jüdische Siedlungen im Gazastreifen geräumt hat – ist übrigens der Grund dafür, dass es ein Embargo über den Gazastreifen gibt – nicht israelische Willkür oder Tyrannei.

Im Falle von Israel spielt für Journalisten der Unterschied zwischen Terroristen, die gezielt versuchen so viele Zivilisten wie möglich zu ermorden und einem Staat, der bei der Verteidigung seiner Bevölkerung zivile Opfer auch auf der anderen Seite so weit wie möglich zu vermeiden versucht, keinerlei Rolle.

Die Hamas (und Hisbollah) bauen ihre Raktenenabschussrampen und Waffenlager bewusst in dicht bebautes Gebiet, bevorzugt in der Nähe von Schulen. Und wie ein Hisbollah Kommandant bereits vor dem Libanon Krieg freimütig eingeräumt hat, ist es eine Win-Win Situation. Entweder die Raketen treffen Israel oder die Bilder von toten Zivilisten gehen um die Welt und die empörte Weltöffentlichkeit kann Israel wieder ein „Massaker“ vorwerfen.
Jeder tote palästinensische Zivilist ist eine Niederlage für Israel und ein PR-Triumph für die Hamas. Erst die Medien haben dieses zynische Spiel möglich gemacht.

Und während Israel verwundete und kranke Palästinenser kostenlos in israelischen Krankenhäusern versorgt (die Lebenserwartung im Gazastreifen ist höher als im benachbarten Ägypten und der Türkei!), zelebriert die Hamas die Ermordung israelischer Zivilisten als Volksfest.

Die Obsession mit Israel als ewiger Sündenbock für Alles im Nahen Osten, hat sämtlichen Diktatoren, Terroristen und Extremisten einen Freibrief für ihre Verbrechen gegeben und unsere Medien spielen willig mit. Ich habe nach meinem Studium im Asylbereich gearbeitet und kenne die Situation gerade in den arabischen Ländern sehr gut. Die islamische Welt im Allgemeinen und die arabische im Besonderen ist eine weitgehend menschenrechtsfreie Zone, in der selbst die unfassbarsten Menschenrechtsverletzungen Alltag sind. So sehr Alltag, dass sie für Journalisten in der Regel nicht einmal eine Randnotiz wert sind. Zugleich kann sich jeder Despot und Massenmörder in der islamischen Welt beim Nahostkonflikt vor der Weltöffentlichkeit als Menschenrechtsaktivist verkaufen.

Persönlich mache ich mir keine Illusionen, was eine Lösung des Nahostkonflikts betrifft. Denn beim Nahostkonflikt geht es in Wahrheit nicht um die Palästinenser, nicht um israelische Siedlungen oder Land (Israel ist ca so groß wie Niederösterreich) und schon gar nicht um Menschenrechte, welche von Organisationen wie der Hamas schon aus religiösen Gründen verabscheut werden.  Es geht darum, dass Israel als Sündenbock, Hassobjekt und Inhalt für die allgegenwärtigen Verschwörungstheorien für die islamische Welt unverzichtbar ist.

So kenne ich auch in Österreich durchwegs gebildete Muslime, die ganz selbstverständlich anmerken, dass Israel nicht nur jedes Problem der islamischen Welt – von Algerien bis Indonesien – verantwortlich sei, sondern auch, je nach Anlass, für Aids, Krebs, Tsunamis und Erdbeben – was im übrigen in arabischen Ländern ganz offiziell in Schulbüchern und im Staatsfernsehen propagiert wird. Bei der Analyse von Problemen das eigene Weltbild, die eigene Kultur oder gar Religion zu hinterfragen, ist schließlich keine Alternative – zumindest keine, die ihnen unsere Journalisten zumuten wollen.

Daher bleibt  die Nahostberichterstattung wohl auch in Zukunft faktenfrei. Und die anfangs gestellte Frage, wie viele Raketen es denn noch gebraucht hätte – angesichts der „Nahostexperten“ in unseren Medien kann eine solche Frage bloß rhetorisch gemeint sein.

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